Die französische Schülerin Mathilde Hironde steht sinnbildlich für einen Albtraum, der immer mehr leistungsstarke Jugendliche trifft: Obwohl die Noten stimmen, sie sich engagiert und klare Ziele hat, scheitert der Studienstart an einem schwer durchschaubaren Online-Verfahren. In Frankreich löst ihr Fall Debatten aus – und berührt Fragen, die auch in Deutschland viele Eltern und Schülerinnen und Schüler umtreiben.
Eigentlich eine Bilderbuch-Schullaufbahn
Mathilde ist kein „Genie“ nach Klischee, doch ihr Profil passt ziemlich genau zu dem, was Auswahlkommissionen angeblich suchen: ein rundes, starkes Dossier. Sie kommt aus Seine-et-Marne nahe Paris. Beide Eltern unterrichten, Bildung ist bei ihr seit der Kindheit Teil des Alltags.
Bereits in der Primarschule war sie im Unterricht oft unterfordert. Lehrpersonen erkannten rasch, dass sie mehr Stoff bräuchte. Sie übersprang eine Klasse, lernte ohne grossen Druck und fiel durch ihre Leichtigkeit auf. Am Privatgymnasium Sainte-Thérèse in Ozoir-la-Ferrière zählte sie im Schnitt regelmässig zu den Besten.
"In der Mittelstufe lag ihre Durchschnittsnote bei 18 von 20 Punkten, sie zählte konstant zu den Top drei ihrer Jahrgangsstufe."
Später schlug die Schule vor, noch einmal eine Klasse zu überspringen. Mathilde verzichtete – aus einem sehr nachvollziehbaren Grund: Sie wollte sozial nicht zu weit von ihren Freundinnen und Freunden abrücken. Das zeigt, dass hier nicht bloss ein „Notenroboter“ unterwegs ist, sondern eine Jugendliche, die ihren Platz in der Gruppe bewahren möchte.
Im Lycée ging es ähnlich weiter: rund 16 von 20 Punkten im Schnitt, dazu in jedem Zeugnis positives Feedback. Im Französisch-Abitur erreichte sie 12 Punkte schriftlich und 18 mündlich – Resultate, mit denen viele Studienrichtungen normalerweise gut zugänglich wären.
Hohe Leistung, viel Engagement – und trotzdem kontrolliert
Auffällig ist, was Mathilde zusätzlich zur Schule leistete. Sie betrieb Geräteturnen sehr intensiv, stand selbst oft in der Halle, führte Trainings durch und bewertete am Wochenende Wettkämpfe.
Gleichzeitig war sie im Schulalltag aktiv: als stellvertretende Vorsitzende des Schülergremiums. Sie organisierte Projekte, vertrat Mitschülerinnen und Mitschüler in Sitzungen und übernahm Verantwortung – genau das, was in Bewerbungsunterlagen gern gesehen wird.
- Intensiver Sport mit Wettkämpfen
- Ehrenamtliches Engagement als Trainerin und Kampfrichterin
- Funktion im Schülervertretungsrat
- Durchgehend sehr gute schulische Leistungen
Bei der Wahl der Leistungskurse kombinierte sie Physik und Mathematik mit einem Literatur- und Philosophie-Schwerpunkt. Im Abschlussjahr blieb sie bei Mathe und den Geisteswissenschaften und nahm zusätzlich Rechts- und Politikkunde dazu. Spätestens dort wurde ihr klar, dass sie weniger für Formeln brennt als für Sprache, Politik und gesellschaftliche Themen.
Was „Parcoursup“ in Frankreich (und für Mathilde Hironde) bedeutet
Parcoursup ist in Frankreich die zentrale Online-Plattform, über die sich Schülerinnen und Schüler der Oberstufe für Studiengänge und vorbereitende Klassen bewerben. Man erfasst mehrere Wünsche, lädt Zeugnisse, Motivationsschreiben sowie schulische Bewertungen hoch. Hochschulen und Eliteschulen prüfen diese Dossiers, verteilen Plätze oder sprechen Absagen aus.
Offiziell soll Parcoursup gerechter und transparenter funktionieren als frühere Verfahren. In der Praxis schildern Jugendliche jedoch jedes Jahr Situationen, die sie als zufällig oder ungerecht erleben – von der Masse an Bewerbungen bis zu schwer verständlichen Kriterien, bei denen Algorithmen, Prioritäten nach Wohnort oder inoffizielle Vorgaben mitspielen können.
28 Absagen am Stück: der Schock im Juni
Mathilde ging das Ganze methodisch an. Sie besuchte Studienmessen, informierte sich gründlich und holte bei Lehrpersonen Rat. Ihre Ziele waren ambitioniert, aber nicht abgehoben: geisteswissenschaftliche Elite-Studiengänge, doppelte Lizenzen in Geschichte und Politikwissenschaft, Soziologie, vorbereitende Klassen sowie Institute für politische Studien.
Als Anfang Juni 2024 die Rückmeldungen eintrafen, prallte sie hart auf die Realität.
"28 Bewerbungen abgeschickt – 28 Mal „Nein“. Kein Platz, nicht einmal Warteliste bei einigen Wünschen, die sie als erreichbar eingeschätzt hatte."
Besonders schmerzhaft: In einer renommierten Vorbereitungsklasse, die sie fest im Blick hatte, wurde eine Mitschülerin mit sehr ähnlichem Profil aufgenommen – Mathilde hingegen nicht. Das trifft nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern rührt am Grundempfinden von Fairness. Weshalb sie nicht? Eine plausible Begründung kann ihr niemand liefern.
Ihre Eltern waren deutlich unruhiger als sie selbst. Tag für Tag kam das Thema auf, die Sorge um die Zukunft der Tochter wuchs. Mathilde bemühte sich um Gelassenheit, doch der Abstand zwischen Aufwand und Resultat liess auch sie nicht kalt.
Systemproblem oder Ausnahme? Was der Fall sichtbar macht
Mathildes Geschichte macht Schwachstellen im französischen Modell sichtbar. Eine Schülerin, die ihr Abitur mit 16 und einer Durchschnittsnote von 15,2 abschliesst, müsste eigentlich vielerorts offene Türen finden. Stattdessen gerät sie in eine eigenartige Zahlenlogik aus Algorithmen, Auswahlmechanismen und Übernachfrage.
Fachleute in Frankreich betonen seit Jahren, dass Plattformen wie Parcoursup mehrere Ebenen zusammenführen:
- Noten und Rankings innerhalb der Schule
- Einschätzungen von Lehrkräften
- Motivationsschreiben und Projekte
- Geografische Kriterien und Kapazitätsgrenzen
- Eigene Prioritäten einzelner Hochschulen
Für Bewerbende wirkt das rasch wie eine Black Box. Sichtbar ist am Ende nur der Status: „angenommen“, „Warteliste“ oder „abgelehnt“. Welche Faktoren wie stark zählen, bleibt unklar. Gerade leistungsstarke Jugendliche, die sich über Jahre an klaren Rückmeldungen orientiert haben, stossen damit plötzlich an eine unsichtbare Wand.
Später Lichtblick: Neustart am Lycée Jacques-Amyot
Ganz ohne Optionen blieb Mathilde am Schluss nicht. Am Ende kamen doch noch zwei Zusagen: ein Platz in einer geisteswissenschaftlichen Vorbereitungsklasse am Lycée Jacques-Amyot sowie eine Zusage für ein Soziologiestudium an der Universität Gustave-Eiffel. Sie entschied sich für die Vorbereitungsklasse, die in Frankreich als Sprungbrett zu anspruchsvollen Hochschulen gilt.
Der Start verlief nüchtern und unkompliziert: Der Unterricht erinnert stark an das Gymnasium, die Abläufe sind klar und die Gruppen überschaubar. Für eine 16-Jährige, die eben erst das Abitur abgeschlossen hat, ist das ein geschützter Rahmen. Mathilde sieht sich selbst eher im Mittelfeld ihres Jahrgangs. Sie arbeitet fokussiert, ohne sich zu verkrampfen.
"Statt dem Druck, überall an der Spitze zu stehen, gönnt sie sich zum ersten Mal ein normales Schülerleben – mit guten, nicht perfekten Leistungen."
Ein kurioses Detail unterstreicht die gefühlte Willkür: Einen Tag vor Schulbeginn kam plötzlich noch ein weiteres Angebot einer anderen renommierten Schule. Für eine Umplanung war es zu spät. Die Familie hatte bereits alles organisiert, inklusive Unterkunft – der Platz blieb ungenutzt.
Was Eltern und Jugendliche daraus mitnehmen können
Mathildes Verlauf zeigt, wie hart der Schritt nach dem Abitur sein kann – selbst für vermeintliche „Musterschüler“. Drei Punkte fallen besonders ins Gewicht:
- Plan B ist Pflicht: Wer ausschliesslich auf Traumstudiengänge setzt, läuft Gefahr, am Ende ohne realistische Alternative dazustehen. Besser breit denken und auch weniger prestigeträchtige Wege einbeziehen.
- Vergleiche machen unzufrieden: Wenn Mitschülerinnen und Mitschüler mit ähnlichem Profil „mehr Glück“ haben, kostet das Kraft. Auswahlverfahren sind nie vollständig gerecht.
- Wege haben Abzweigungen: Umwege – etwa über eine Vorbereitungsklasse oder ein anderes Fach – können später trotzdem in die gewünschte Richtung führen.
Mathilde hält an ihrem Berufswunsch fest, später selbst zu unterrichten. Parcoursup hat ihr klar vor Augen geführt, wie stark Strukturen Bildungswege steuern – und wie wenig junge Menschen diese Strukturen tatsächlich durchschauen. Genau das könnte sie später zu einer sensibleren Lehrperson machen.
Weshalb das auch in Deutschland ein Thema ist
In Deutschland existiert kein zentrales System wie Parcoursup, doch die Grundprobleme sind nicht unbekannt. Numerus clausus, lokale Zulassungsbeschränkungen und unterschiedliche Auswahlkriterien der Hochschulen sorgen auch hier für Frust. Der Blick nach Frankreich zeigt, was viele Abiturientinnen und Abiturienten erleben: Der Übergang nach dem Abschluss ist nicht einfach eine lineare Belohnung für gute Noten, sondern ein eigener Wettbewerb mit eigenen Regeln.
Hilfreich kann es sein, bereits in der Oberstufe offen über Alternativen zu sprechen: duale Studiengänge, Fachhochschulen, Auslandsaufenthalte oder Freiwilligendienste. Wer den Studienstart nicht als einzigen entscheidenden Moment betrachtet, steckt Rückschläge oft besser weg und bleibt handlungsfähiger.
Der psychische Druck in dieser Phase sollte nicht unterschätzt werden. In vielen Familien ist der Studienplatz emotional stark aufgeladen, weil er mit sozialem Aufstieg, Sicherheit und Anerkennung verknüpft wird. Beratungsstellen, Lehrpersonen und Schulpsychologinnen oder Schulpsychologen können entlasten, indem sie Erwartungen erden und Perspektiven aufzeigen, die nicht nur über Prestige funktionieren.
Mathildes Geschichte endet nicht als Desaster, sondern als vorsichtiger Neustart. Sie macht deutlich, dass selbst in einem starren System Spielräume entstehen können, wenn man bereit ist, einen anderen Weg anzunehmen – und dass Bildungsbiografien oft erst im Rückblick wirklich stimmig wirken.
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