Eine Schülerin aus Frankreich legt das Abitur zwei Jahre früher ab als vorgesehen – mit einer sehr guten Durchschnittsnote und einem Lebenslauf, um den sie viele Studieninteressierte beneiden würden. Trotzdem öffnen sich für sie kaum Türen: Statt Zusagen erscheinen 28 Mal hintereinander Absagen, virtuelle Warteschlangen – oder schlicht gar nichts. Der Fall rückt das französische Online-Portal Parcoursup ins grelle Licht und stellt die Frage, wie gerecht digitale Zuteilungssysteme für Studienplätze tatsächlich funktionieren.
Eine Hochbegabte, der es in der Schule fast immer zu einfach war
Schon in der Primarschule sticht Mathilde Hironde heraus: Sie ist unterfordert, erledigt Aufgaben schneller als die anderen und verlangt nach zusätzlichem Stoff. Die Eltern haken nach, die Schule zieht mit – Mathilde überspringt eine Klasse. Ihr Weg durchs Bildungssystem verläuft damit nicht schrittweise, sondern fühlt sich eher wie eine Fahrt im Schnellzug an.
Am privaten Gymnasium im Umland von Paris bleibt sie dauerhaft in der Spitzengruppe. Ihre Leistungen liegen im Schnitt bei 18 von 20 Punkten; dazu kommen regelmässig Lob und Auszeichnungen. Ein weiterer Klassensprung stünde im Raum, doch sie entscheidet sich dagegen – aus Angst, sozial den Anschluss zu verlieren. Sie will sehr gut sein, aber nicht als Wunderkind zwischen deutlich älteren Mitschülerinnen und Mitschülern sitzen.
In der französischen Oberstufe kombiniert sie naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Schwerpunkte: zuerst Physik, Mathematik und ein literarisch-philosophisches Profil, später stärker mit Fokus auf Politik und Gesellschaft. Die schriftliche Prüfung in Französisch absolviert sie solide, die mündliche gelingt ihr sogar ausgezeichnet.
Während andere Teenager noch über die Kurswahl grübeln, hat Mathilde mit 16 ihr Abitur in der Tasche – und einen Notenschnitt von 15,2 von 20.
Neben den Noten füllt sie ihren Alltag mit Schul- und Vereinsleben: intensives Turntraining, Einsätze als Kampfrichterin an Wochenenden und zusätzlich ein Mandat im Schülergremium, vergleichbar mit einer Schülervertretung. Von aussen wirkt das Dossier wie ein Musterprofil für den Weg an eine renommierte Hochschule.
Parcoursup und Mathilde Hironde: Wenn ein Algorithmus über Studienplätze entscheidet
In Frankreich läuft die Vergabe von Studienplätzen nach dem Abitur mehrheitlich über Parcoursup. Dort werden Bewerbungen zentral erfasst, Fristen gebündelt sowie Zu- und Absagen übermittelt. Für Jugendliche im letzten Schuljahr ist das Portal Pflicht – und für viele eine nervenzehrende Phase.
Mathilde geht strukturiert vor: Sie besucht Informations- und Beratungsveranstaltungen, vertieft sich in Studienangebote und spricht mit Lehrpersonen. Am Schluss steht eine ambitionierte Auswahl:
- Vorbereitungskurse (Prépas) mit starkem Fokus auf Literatur, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
- kombinierte Studiengänge wie Doppel-Lizenzen Geschichte und Politikwissenschaft
- Studiengänge in Soziologie und Sozialwissenschaften
- hochselektive Programme an Elitehochschulen vom Typ Sciences Po
Genau solche Optionen sollten leistungsstarken Abiturientinnen und Abiturienten grundsätzlich offenstehen. Die Idee dahinter: Wer früh viel leistet, soll später eine breite Auswahl haben. In der digitalen Selektion greifen jedoch Kriterien, die nur teilweise nachvollziehbar sind – etwa Schulnoten, Einschätzungen der Lehrkräfte, Motivationsschreiben und teils auch regionale Quoten oder besondere Gewichtungen einzelner Fächer.
28 Mal Nein: Wenn das Verfahren wie ein schwarzes Loch wirkt
Im Juni folgt der Dämpfer. Mathilde loggt sich ein – und sieht fast überall Rot: 28 Bewerbungen, 28 Absagen. Einige Einrichtungen lehnen direkt ab, andere führen sie nicht einmal auf einer Warteliste. Bei mehreren Programmen, die sie als realistisch eingeschätzt hatte, gibt es nicht einmal die Aussicht auf ein Nachrücken.
Eine Mitschülerin mit ähnlichen Noten erhält eine Zusage an einem der begehrten Vorbereitungskollegs – genau dort, wo Mathilde einen Korb kassiert. Das trifft sie besonders.
Bei Mathilde setzt Selbstzweifel ein: War sie zu anspruchsvoll? Hätte sie weniger selektiv und «vernünftiger» planen müssen? Gleichzeitig bleibt unklar, nach welcher Logik der Algorithmus sortiert. Ihr schulischer Werdegang spricht für sie, ihr Engagement ebenso – und doch prallt sie an einer unsichtbaren Grenze ab.
Auch für die Eltern wird die Wartezeit zermürbend. Täglich kreisen Gespräche um neue Portal-Meldungen, mögliche Alternativen und einen Plan B oder C. Im Raum steht die nagende Frage, ob ein System, das so viele starke Kandidatinnen ausfiltert, sich noch als «meritokratisch» bezeichnen kann.
Am Ende doch ein Platz: anspruchsvolle Vorbereitungsklasse (CPGE B/L)
Ganz ohne Angebot bleibt sie schliesslich nicht. Zwei Zusagen kommen noch: eine Soziologie-Lizenz an einer Universität und ein Platz in einer geistes- und sozialwissenschaftlichen Vorbereitungsklasse, einer sogenannten CPGE B/L. Diese intensiven Zweijahreskurse bereiten auf landesweite Auswahlprüfungen vor.
Mathilde entscheidet sich für die Vorbereitungsklasse. Der Rahmen ist schulähnlich: fixe Stundenpläne und viel direkter Kontakt zu Lehrkräften. Gerade für eine 16-Jährige wirkt das als besserer Übergang als der Sprung in eine anonyme Massenuniversität.
Später folgt noch ein weiteres Angebot einer anderen renommierten Institution – allerdings zu spät, um den Start nochmals komplett umzustellen. Sie bleibt deshalb bei der ersten Zusage und richtet sich dort ein. Inzwischen liegt sie im Mittelfeld ihres Jahrgangs, arbeitet fokussiert, ohne sich zu überlasten. Wohin es danach geht, ist offen: Sozialwissenschaften, vielleicht Lehramt, vielleicht ein anderer Weg im Bildungsbereich.
Was der Fall über digitale Auswahlverfahren sichtbar macht
Mathildes Geschichte löst in Frankreich Debatten aus, weil sie mehrere Schwachstellen bündelt, die sich in vielen Ländern zeigen, sobald Software über Bildungschancen mitentscheidet:
| Problemfeld | Was dabei schieflaufen kann |
|---|---|
| Intransparente Kriterien | Bewerberinnen und Bewerber erfahren nicht genau, weshalb sie abgelehnt wurden. |
| Massenselektion | Tausende High-Performer kämpfen um wenige Plätze; feine Unterschiede im Profil gehen verloren. |
| Regionale und soziale Effekte | Schulen mit besserem Ruf oder in grossen Städten haben indirekte Vorteile. |
| Psychischer Druck | Wochenlanges Warten und ständiges Online-Prüfen verstärken Stress und Selbstzweifel. |
So entsteht für Schülerinnen wie Mathilde ein Widerspruch: Das System wirbt mit Leistungsgerechtigkeit, kann im Einzelfall aber wie eine Lotterie wirken, in der selbst sehr starke Dossiers durchs Raster fallen. Wenn dann noch Freundinnen oder Freunde mit scheinbar vergleichbaren Profilen Zusagen erhalten, wird aus nüchterner Statistik rasch das Gefühl einer persönlichen Zurückweisung.
Lehren für Deutschland: Was Abi-Bewerberinnen und -Bewerber hier kennen
Auch in Deutschland nimmt der Einfluss digitaler Systeme in der Studienplatzvergabe zu. Portale wie Hochschulstart oder zentrale Bewerbungsplattformen der Länder sammeln Anmeldungen, automatisieren Ranglisten und steuern Fristen. Viele Abiturientinnen und Abiturienten dürften Aspekte aus Mathildes Erleben wiedererkennen: lange offene Verfahren, schwer verständliche Wartelisten und das Gefühl, bloss eine Nummer zu sein.
Wer sich stark auf begehrte Fächer oder Eliteprogramme fokussiert, riskiert grundsätzlich, am Ende mehr Absagen als Zusagen zu sehen. Mathildes Fall macht deutlich, wie wichtig breit angelegte Bewerbungen sind – inklusive realistischer Alternativen, die nicht nur als Notnagel dienen, sondern wirklich zum eigenen Profil passen.
Strategien gegen Bewerbungsfrust
Was lässt sich für Jugendliche und Eltern konkret aus der Geschichte ableiten? Ein paar Punkte liegen nahe:
- Mehrere Szenarien planen: Traumstudium, solide Alternative und Notfallplan – alle drei sollten ernsthaft durchdacht sein.
- Beratung früh nutzen: Lehrpersonen, Studienberatung, Alumni – je mehr Blickwinkel, desto besser die Orientierung.
- Psychischen Druck ernst nehmen: Bewerbungsphasen sind ein Ausdauerrennen, kein Sprint. Pausen und Offline-Zeiten helfen.
- Erfolg nicht nur am ersten Resultat messen: Ein Umweg kann sich später als passender erweisen als der vermeintliche Traumplatz.
Mathilde beschreibt rückblickend genau diesen Effekt: Die Vorbereitungsklasse, die sie zuerst als Notlösung wahrgenommen hatte, passt zu ihrem Alter und ihrer Art zu lernen besser, als es eine manch glänzend vermarktete Alternative vielleicht getan hätte. Aus dem ersten Schock wird so ein neuer, nüchterner Blick auf den eigenen Weg.
Was Begriffe wie Parcoursup und Prépa bedeuten
Für Leserinnen und Leser im deutschsprachigen Raum wirken viele Bezeichnungen aus dem französischen System zunächst ungewohnt. Parcoursup ist eine staatliche Online-Plattform, auf der alle Abiturientinnen und Abiturienten ihre Wünsche für Studiengänge und Vorbereitungskurse erfassen. Hochschulen liefern Kriterien und Ranglisten; nach festgelegten Regeln werden Angebote zugeteilt.
Prépas – ausgeschrieben «Classes préparatoires» – sind intensive zweijährige Kurse nach dem Abitur. Sie sollen auf anspruchsvolle Auswahlprüfungen vorbereiten, etwa für Ingenieur- oder Businessschulen. Der Alltag erinnert eher an die Oberstufe als an klassische Universitätsstrukturen: viel Präsenzunterricht, kleine Gruppen und laufendes Feedback. Wer diesen Weg wählt, muss mit hoher Arbeitsbelastung rechnen, erhält dafür aber engmaschige Betreuung.
Die Geschichte von Mathilde macht sichtbar, wie stark solche Strukturen Biografien prägen können – besonders dann, wenn Algorithmen die Eintrittskarten verteilen. Für Eltern und Jugendliche lohnt es sich, die Logik solcher Systeme früh zu verstehen, Erwartungen kritisch zu prüfen und mehrere Wege offenzuhalten, selbst wenn auf dem Papier alles nach einer geradlinigen Erfolgsgeschichte aussieht.
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